Die internationalen Gasmärkte verändern sich rasant. Nach Jahren hoher Energiepreise deutet vieles auf eine Phase deutlicher Entlastung hin. Neue Förderkapazitäten, insbesondere aus den USA und Katar, drücken die Preise erheblich. Für viele europäische Staaten ist das ein Impuls für Wirtschaft und private Haushalte. In Deutschland aber wird die Entlastung nur begrenzt ankommen. Grund sind politische Leitentscheidungen, die den Gasverbrauch bewusst zurückfahren und eine weitgehende Elektrifizierung der Energieversorgung anstreben.

Angebotsüberhänge drücken die Preise
Analysen von Energieagenturen und Banken zeigen, dass sich die Preisentwicklung dauerhaft nach unten bewegt. Goldman Sachs erwartet bis 2029 einen Rückgang des europäischen Gaspreises auf rund zwölf Euro je Megawattstunde. Auch andere Marktbeobachter verweisen auf eine deutliche Ausweitung globaler Produktionskapazitäten. Schon ein kleiner Angebotsüberschuss reicht in diesem Markt aus, um Preise spürbar sinken zu lassen. Genauso hatten moderate Engpässe 2022 zu extremen Preisausschlägen geführt. Für viele Länder, die Gas weiterhin in größerem Umfang nutzen, bedeutet der Trend eine deutliche Entlastung.
Deutschland profitiert kaum
Deutschland zählt zu den größten Gasimporteuren weltweit, doch die politische Strategie sieht vor, den fossilen Anteil im Energiesystem stark zu reduzieren. Gas soll mittelfristig nur noch zur Absicherung erneuerbarer Energien genutzt werden – etwa bei Dunkelflauten oder kurzfristigen Nachfragespitzen. Für die Industrie und private Haushalte bedeutet das, dass günstiges Gas zwar verfügbar wäre, aber kaum Eingang in die nationale Strom- und Wärmeversorgung findet. Parallel steigen die Kosten für den Betrieb der Infrastruktur. Vor allem ungenutzte Reservekraftwerke und hohe Netzentgelte erhöhen die Energiepreise unabhängig vom Marktgeschehen.
Wettbewerbsnachteile im europäischen Vergleich
Andere Länder verfolgen einen pragmatischeren Kurs. In Polen, der Tschechischen Republik oder auch in Frankreich und Großbritannien bleibt Gas ein relevanter Bestandteil der Versorgung. Sinkende Preise wirken dort wie ein Konjunkturprogramm. In Polen trägt der Rückgang bereits zur Normalisierung der Inflation bei. Ausgaben, die zuvor für Energie reserviert waren, fließen wieder stärker in den Konsum. Gleichzeitig bleiben dort Kohle und Gas weiterhin Teil des Energiemix, ergänzt um einen moderaten Ausbau erneuerbarer Energien.
Frankreich profitiert zusätzlich von seinem großen Bestand an Kernkraftwerken. In Verbindung mit günstigem Gas entsteht ein stabiler und vergleichsweise preiswerter Energiemix. Großbritannien wiederum kombiniert eigene Gasvorkommen in der Nordsee mit Atomkraft und Importen aus Norwegen und den USA. In beiden Fällen verbessern sinkende Gaspreise die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie spürbar.
Belastung für Wirtschaft und Haushalte
In Deutschland dagegen wird der Spielraum aus sinkenden Weltmarktpreisen weitgehend aufgezehrt. Die Industrien, die in den vergangenen Jahren besonders unter hohen Energiepreisen litten, können nur eingeschränkt profitieren. Für viele Betriebe verstärkt sich die Frage, ob Investitionen weiterhin im Land stattfinden sollen oder ob die Produktion in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen verlagert wird. Auch private Haushalte bleiben von den Entlastungen weitgehend abgekoppelt, da Strom- und Wärmepreise weniger vom Gaspreis als von Regulierung, Netzausbau und Umlagen bestimmt werden.
Ein europäischer Sonderweg
Deutschland verfolgt weiterhin das Ziel, besonders früh klimaneutral zu werden. Während viele Nachbarländer den Umbau ihres Energiesystems schrittweise vorantreiben, konzentriert sich die Bundesregierung auf die schnelle Rückführung fossiler Energien. Kritiker weisen darauf hin, dass dies zu einem dauerhaften Kostennachteil führen könnte, wenn internationale Energiepreise fallen, die nationale Energieversorgung aber weiter von teureren Strukturen geprägt bleibt. Gleichzeitig steigt der Druck auf energieintensive Branchen, die bereits heute vor strukturellen Herausforderungen stehen.


