Startseite » Hintergründe » Autark wohnen: Man muss gar nicht vollständig unabhängig sein, sagt der Pionier

Autark wohnen: Man muss gar nicht vollständig unabhängig sein, sagt der Pionier

Autarkes Wohnen klingt für viele nach einem Versprechen aus der Zukunft: ein Haus, das sich selbst mit Energie versorgt, unabhängig von Strom- und Wärmenetzen, geschützt vor steigenden Preisen. Für den Energie- und Zukunftsexperten Timo Leukefeld ist diese Idee längst mehr als ein technisches Experiment. Er gilt als einer der Pioniere des energieautarken Bauens in Deutschland.

Photovoltaik und eine Batterie: Das sind die Schlüssel, um von Energieversorgern unabhängiger zu werden (Foto: HLN Lab)

Bereits 2010 entwickelte er nach eigenen Angaben das erste bezahlbare und vollständig energieautarke Haus Europas zur Marktreife. Die Bundesregierung ernannte ihn später zum Energiebotschafter. Mit seiner in Freiberg ansässigen Timo Leukefeld GmbH plant und realisiert Leukefeld Gebäude, die sich mithilfe von Solarstromtechnik, Batteriespeichern und Infrarotheizungen weitgehend unabhängig von externer Energieversorgung machen sollen. Im Interview mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung beschreibt er, worauf es beim autarken Wohnen ankommt – und warum 100 Prozent Autarkie zwar technisch möglich, wirtschaftlich aber meist nicht sinnvoll sind.

Autarkie bedeutet vor allem weniger Energiebezug von außen

Eine feste wissenschaftliche Definition für autarkes Wohnen gebe es nicht, sagt Leukefeld. Im Kern gehe es aber um maximale Unabhängigkeit von Energiebezügen von außen. Gemeint seien dabei alle Bereiche, in denen Menschen im Alltag Energiekosten haben: Heizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und Mobilität mit dem Auto.

Für Bauherren sieht Leukefeld vor allem eine Energiequelle im Zentrum: die Sonne. Photovoltaik sei die einzige Technik, bei der man einmal investiere und anschließend dauerhaft Nutzen habe. Voraussetzung sei allerdings ein dafür geeignetes Haus. Wichtig sei eine möglichst unverschattete Dachfläche, die zwischen Ost, Süd und West ausgerichtet ist.

Zusätzlich empfiehlt Leukefeld grundsätzlich eine Batterie. Sie erhöhe den Autarkiegrad deutlich, weil der tagsüber produzierte Strom bis in die Nacht und den nächsten Morgen gespeichert werden könne. Außerdem stehe bei einem Stromausfall ein eigener Energievorrat zur Verfügung.

100 Prozent Autarkie sind technisch möglich, aber teuer

Ein häufiges Gegenargument gegen energieautarke Häuser ist die sogenannte Dunkelflaute im Winter, also Zeiten mit wenig Sonne und wenig Wind. Leukefeld hält vollständige Autarkie zwar für technisch machbar, aber wirtschaftlich für unsinnig. Wer ein Einfamilienhaus wirklich zu 100 Prozent unabhängig machen wolle, benötige extrem teure und komplexe Systeme.

Als Beispiel nennt er Wasserstofflösungen mit Elektrolyseur, Speicher und Brennstoffzelle. Allein das Haustechnikpaket könne in einem Einfamilienhaus schnell rund 150.000 Euro kosten. Hinzu kämen hoher Wartungsaufwand und technische Komplexität. Auch große saisonale Wärmespeicher seien möglich. Leukefeld verweist auf frühere Projekte mit einem 9000-Liter-Wasserspeicher, einer Art großer „Thermoskanne“ im Haus. Solche Lösungen seien jedoch vor allem im Neubau realisierbar und nicht für jedes Projekt geeignet.

50 Prozent Autarkie als wirtschaftliches Optimum

Statt maximaler Unabhängigkeit empfiehlt Leukefeld einen Autarkiegrad von etwa 50 Prozent. Das sei aus seiner Sicht ein wirtschaftliches Optimum. Alles darüber hinaus unterliege dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens: Jede zusätzliche Prozentzahl an Autarkie werde immer teurer und aufwendiger.

Sein Ansatz lautet: „intelligent verschwenden, anstatt blöd zu sparen“. Gemeint ist damit, nicht mit komplizierten Regeln und technischen Zwängen Wohnqualität einzuschränken, sondern robuste, einfache und günstige Systeme einzusetzen. Leukefeld lehnt Konzepte ab, bei denen Bewohner durch strenge Verhaltensregeln, etwa beim Lüften, einer Art „Selbstversklavung“ unterliegen. Wohnen müsse mit Lebensqualität verbunden bleiben.

Deshalb setzt sein Unternehmen nach eigener Darstellung nicht auf komplexe und störanfällige Haustechnik wie Wärmepumpen oder wassergeführte Heizsysteme, sondern auf wartungsfreie Infrarotheizungen. Diese seien langlebig, könnten rund 30 Jahre halten und kosteten deutlich weniger. Das eingesparte Geld werde stattdessen in größere Photovoltaikanlagen und Batteriespeicher investiert.

Dämmung: Schimmel entsteht meist durch Fehler

Ein Vorurteil gegenüber hochgedämmten Häusern ist die Sorge vor Schimmel. Leukefeld sieht das Problem weniger in der Dämmung selbst als in Fehlern bei Materialwahl, Montage oder Lüftungsverhalten. Viele seiner Kunden arbeiteten nicht mit Styropor, sondern setzten auf monolithische Wände, also dicke Ziegelwände. Diese Bauweise kenne man bereits von früheren Generationen. Eine dicke Ziegelwand dämme gut und sei aus seiner Sicht unproblematisch, wenn sie fachgerecht geplant und ausgeführt werde.

Keine höheren Baukosten gegenüber konventionellen Neubauten

Leukefeld widerspricht der Annahme, ein autarkes Haus sei zwangsläufig teurer als ein konventioneller Neubau. Nach seiner Darstellung gebe es heute keinen Kostenunterschied mehr, wenn man die Haustechnik anders gewichtet.

Eine fertig montierte Wärmepumpenheizung sei etwa viermal so teuer wie eine Infrarotheizung. Dadurch ließen sich bei der Heizungstechnik rund drei Viertel der Kosten einsparen. Dieses Geld könne in mehr Photovoltaik und einen Akku fließen. Unterm Strich entstehe ein Nullsummenspiel: Ein Haus mit Wärmepumpe und kleiner Photovoltaikanlage koste ähnlich viel wie ein Haus mit Infrarotheizung, großer Photovoltaikanlage und Batteriespeicher.

Auch die Wirtschaftlichkeit beginne nach Leukefeld sofort. Weil die Baukosten vergleichbar seien, das Haus mit größerer Photovoltaikanlage aber weniger Energie zukaufen müsse, gebe es keinen klassischen Zeitpunkt, ab dem sich die Investition erst rechne. Die Einsparung beginne vom ersten Tag an.

Besonders interessant für Mehrfamilienhäuser

Das Konzept beschränkt sich nach Leukefeld nicht auf Einfamilienhäuser. Gerade in Mehrfamilienhäusern entfalte es ein großes Potenzial. Dort plant sein Unternehmen ebenfalls mit einem Autarkiegrad von etwa 50 Prozent. Ziel ist unter anderem eine Pauschalmiete mit Energieflatrate.

Der Vermieter könne Energie nach Leukefelds Darstellung für etwa sechs Cent pro Kilowattstunde erzeugen. Damit werde ein Teil des Geldes, das sonst an Gas- und Stromversorger fließe, im Gebäude gehalten. Der Vermieter könne die Energie günstiger an die Mieter weitergeben und zugleich einen Teil der Marge selbst behalten.

Aus Leukefelds Sicht entsteht dadurch eine doppelte Entlastung: Für Mieter werde Wohnen inklusive Energie günstiger und planbarer, während Vermieter zusätzliche Einnahmen erzielen könnten. Er spricht von zwei bis drei Euro pro Quadratmeter mehr Mieteinnahmen, obwohl die Gesamtbelastung für Mieter sinke. Zudem entfalle die klassische Heizkostenabrechnung, was Verwaltung und Abrechnung vereinfache.

Einfachere Technik als Gegenmodell zur komplexen Energiewende

Leukefelds Konzept setzt damit bewusst auf eine andere Logik als viele Debatten über moderne Gebäudetechnik. Nicht die maximale technische Ausstattung steht im Vordergrund, sondern ein möglichst einfaches, wartungsarmes System: viel Photovoltaik, Batteriespeicher, Infrarotheizung und eine Gebäudehülle, die zum Konzept passt.

Vollständige Unabhängigkeit bleibt für ihn eher ein technisch faszinierender Sonderfall als ein wirtschaftliches Ziel für die Breite. Entscheidender sei, wie viel Autarkie sinnvoll, bezahlbar und alltagstauglich ist. Der größte Nutzen entstehe dort, wo ein Gebäude dauerhaft weniger Energie einkaufen muss, ohne dass Bewohner ihr Verhalten stark anpassen oder komplexe Technik warten lassen müssen.

Autarkes Wohnen bedeutet in dieser Lesart also nicht Verzicht, sondern eine Verschiebung der Prioritäten: weniger Abhängigkeit von Energieversorgern, mehr Solarstrom vom eigenen Dach, einfache Heiztechnik und ein Wohnkonzept, das Kosten senken soll, ohne den Alltag komplizierter zu machen.