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Von der Energiewende zur Energiebasis: Warum sich die Perspektive verschiebt

Energiewende – das war lange das zentrale Wort. Es stand für den Umbau der deutschen Energieversorgung: weg von fossilen Energien, hin zu erneuerbaren Quellen. Der Fokus lag auf Zielen und Zeitplänen. Doch dieser Begriff greift inzwischen zu kurz. Er beschreibt den Weg, aber nicht die Bedingungen, unter denen dieser Weg überhaupt funktionieren kann. Denn der Alltag stellt eine andere Frage: Funktioniert das System – jetzt, heute, verlässlich?

Windstille und zu wenig Licht für Solaranlagen: Dunkelflaute

Energiewende: Ein Begriff, der nicht mehr alles erklärt

Mit steigenden Preisen und angespannten Märkten hat sich die Perspektive verschoben. Energie ist nicht mehr nur eine ökologische oder technische Aufgabe, sondern eine Frage der Stabilität.

Versorgungssicherheit bedeutet für jedes Land der Erde, dass Energie jederzeit verfügbar ist – unabhängig von Wetter, Tageszeit oder geopolitischen Entwicklungen. Gerade erneuerbare Energien stellen hier besondere Anforderungen.

Sie liefern nicht konstant, sondern abhängig von äußeren Bedingungen. Es gibt Dunkelflauten, Hellbrisen, Brownouts. Das macht zusätzliche Systeme notwendig: Speicher, flexible Netze, Reservekapazitäten.

Laut Aussagen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche aus dem April 2026 lag der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch (Primärenergieverbrauch) im Jahr 2025 bei knapp einem Fünftel (ca. 19–20 Prozent).

Beim Stromverbrauch (Bruttostromverbrauch) ist der Anteil der Erneuerbaren deutlich höher und lag 2025 bei etwa 56 Prozent. Ohne die Sektoren Wärme, Verkehr und Industrie ist eine Energiewende erfolgt – der Strombereich ist bereits „grün“.

Das Dilemma der Elektrifizierung

Aus diesem Grund fordern Energiewende-Befürworter eine stärkere „Elektrifizierung“. Die Verstromung (zum Beispiel durch Wärmepumpen und E-Autos) gilt als zentraler Hebel, verschärft aber das Problem der gesicherten Leistung.

Wenn der Strombedarf steigt, während die Erzeugung wetterabhängig bleibt, wächst die Lücke, die überbrückt werden muss. Zudem ist Deutschland 2023 endgültig aus der Produktion günstiger und klimafreundlicher Kernenergie ausgestiegen.

Um die Versorgungssicherheit zu garantieren, müsste theoretisch fast die gesamte Spitzenlast an Strom zusätzlich durch steuerbare Kraftwerke (meist Gas) abgesichert sein.

  • Investitionsrisiko: Diese Kraftwerke laufen nur wenige Stunden im Jahr (wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint), müssen aber finanziert werden. Das führt zu hohen Vorhaltekosten, die die Strompreise weiter nach oben treiben.
  • Abhängigkeit: Erdgas als Brücke bedeutet weiterhin eine Abhängigkeit von Importen und fossilen Brennstoffen, was dem Ziel der Unabhängigkeit widerspricht.

Zudem findet eine starke Elektrifizierung vor allem auf der „letzten Meile“ statt (Niederspannungsnetz).

  • Wenn in einem Wohngebiet gleichzeitig Wärmepumpen laufen und Autos laden, stoßen die vorhandenen Netze an ihre physikalischen Grenzen.
  • Der Ausbau dieser Verteilnetze ist extrem teuer und langwierig. Kritiker bemängeln, dass der Fokus auf Elektrifizierung den Netzausbau hoffnungslos überholt hat.

Zwar ist ein Elektromotor effizienter als ein Verbrenner, aber die Kette dahinter ist komplex: Wenn wir Strom für die Industrie in Wasserstoff umwandeln (Power-to-Gas) und diesen später bei Flaute wieder in Gaskraftwerken verbrennen (Gas-to-Power), entstehen massive Energieverluste. Am Ende kommt nur ein Bruchteil der ursprünglich erzeugten Windenergie als Nutzarbeit an.

Anstatt alles auf die Karte „Strom“ zu setzen, fordert die Bundeswirtschaftsministerin deshalb eine stärkere Berücksichtigung anderer Energieträger. Ihr Argument: Wenn man alles elektrifiziert, baut man ein extrem volatiles und teures System auf, das bei jeder „Dunkelflaute“ an den Rand des Kollapses gerät.

Preis als zweite Dimension

Parallel zur Versorgung rückt der Preis in den Mittelpunkt. Energie muss nicht nur vorhanden sein, sondern auch bezahlbar bleiben. Für Haushalte entscheidet sich daran, wie stark sie belastet werden. Für Unternehmen geht es um Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und Planungssicherheit, und damit am Ende auch um Arbeitsplätze.

Derzeit weist Deutschland den höchsten Strompreis für Haushaltskunden in der Europäischen Union auf.

  • Deutschland: ca. 38–39 Cent/kWh
  • EU-Durchschnitt: ca. 28,72 Cent/kWh
  • Günstigste Länder: In Ungarn (ca. 10 Cent/kWh) oder Bulgarien ist Strom um ein Vielfaches günstiger.

Beim Industriestrompreis liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der EU. Großverbraucher zahlen oft deutlich weniger als Privathaushalte, sind aber im internationalen Vergleich (z.B. gegenüber den USA oder China) dennoch mit hohen Kosten konfrontiert. Um die Abwanderung energieintensiver Betriebe zu verhindern, hat die Bundesregierung unter Ministerin Reiche für 2026 einen subventionierten Industriestrompreis von etwa 5 Cent/kWh für ausgewählte Branchen auf den Weg gebracht.

Dass Deutschland so teuer ist, liegt weniger an den Erzeugungskosten an der Börse (die teilweise durch Erneuerbare stark sinken), sondern vor allem an:

  • Hohen Netzentgelten: Die Kosten für den Ausbau und die Stabilisierung der Stromnetze werden auf den Preis umgelegt.
  • Abgaben und Steuern: Deutschland hat eine der höchsten staatlichen Abgabenlasten auf Strom in ganz Europa.

Die Bilanz von Deutschlands Energiewende zeigt: Die Rechnung geht nicht auf. Wind und Sonne stillen zwar über 50 Prozent des Strombedarfs – doch beim gesamten Energiebedarf liefern erneuerbare Energien nur 20 Prozent. Wenn Wind und Sonne ausfallen, müssen weiterhin vor allem Kohle und Gas dne Strom produzieren.

Ein Energiesystem, das technisch funktioniert, aber wirtschaftlich nicht tragfähig ist, verliert an Akzeptanz.

Energiebasis statt Zielbild

Der Begriff „Energiebasis“ verschiebt den Fokus. Er fragt nicht zuerst, wie das System in 10 oder 20 Jahren aussehen soll, sondern worauf es heute steht.

Dazu gehören drei Elemente:

  • stabile Versorgung
  • kalkulierbare Preise
  • funktionierende Infrastruktur

Erst wenn diese Grundlage gegeben ist, kann der Umbau langfristig gelingen.

Infrastruktur als unterschätzter Faktor

Ein weiterer Punkt ist der Ausbau der Infrastruktur. Netze, Speicher und Verteilungssysteme müssen mit der Erzeugung Schritt halten.

Der Ausbau erneuerbarer Energien allein reicht nicht aus, wenn die Energie nicht dorthin gelangt, wo sie benötigt wird. Engpässe im Netz oder fehlende Speicher können dazu führen, dass Strom zwar erzeugt, aber nicht genutzt wird.

Die Energiebasis entsteht daher nicht durch einzelne Technologien, sondern durch ihr Zusammenspiel.

Warum der Perspektivwechsel notwendig ist

Die Rede von der Energiewende hat lange eine Richtung vorgegeben. Heute zeigt sich, dass diese Richtung allein nicht genügt.

Ein System kann sich verändern – und gleichzeitig instabil werden, wenn die Grundlagen nicht gesichert sind. Genau hier setzt der Begriff der Energiebasis an.

Er verschiebt die Diskussion von Zielen zu Voraussetzungen, von Zukunftsbildern zu aktuellen Bedingungen.