Es riecht nach Zimt und Tannennadeln, im Radio läuft eine alte Weihnachtsplatte, und draußen liegt der erste Schnee des Jahres. In solchen Momenten, wenn die Welt kurz innehält, denke ich manchmal an früher – an die Winter meiner Kindheit, als Wärme noch sichtbar war. Ich schreibe beruflich über Heizsysteme, Wärmepumpen, Energieeffizienz und CO₂-Bilanzen. Mein Alltag besteht aus Zahlen, Fördersätzen und politischen Zielen. Doch an stillen Abenden wie diesem kommt mir der alte Kohleofen meiner Eltern in den Sinn – und mit ihm das Gefühl, dass Wärme damals anders war.

Er stand im Wohnzimmer, ein schweres, schwarzes Ding aus Gusseisen mit einer kleinen Klappe vorn. Daneben die Kohlekiste, über die man besser nicht in Hausschuhen stolperte, weil der Kohlestaub selbst den saubersten Teppich ruinierte. Mein Vater stand morgens früh auf, um Feuer zu machen. Ich erinnere mich an das metallische Klirren der Schürhaken, an das erste Knistern, an den dumpfen Schlag, wenn ein Brikett in die Glut fiel.
Wenn das Feuer brannte, verwandelte sich das Wohnzimmer in einen eigenen Kosmos. Der Ofen glühte, und wir Kinder saßen davor wie vor einem Fernseher, den man nicht ausschalten konnte. Meine Mutter legte manchmal kleine Äpfel auf die Ofenplatte. Nach ein paar Minuten platzten sie auf, und der Duft von Zucker, Rauch und ein bisschen Asche füllte den Raum.
Weihnachten war damals das Fest der Wärme – nicht nur der familiären, sondern auch der buchstäblich spürbaren. Draußen klirrte der Frost, drinnen beschlug das Fenster, und die Katze rollte sich auf der Ofenbank zusammen. Die Strümpfe, die man zum Trocknen über die Lehne gehängt hatte, dufteten nach Kohlenrauch und Wolle.
Heute schreibe ich über Wärmepumpen und Heizlastberechnungen. Über Nachhaltigkeit, Energiepreise, Emissionsgrenzen. Ich erkläre, wie man ein Haus effizient heizt, ohne die Atmosphäre zu belasten. Alles ist berechenbar geworden – geregelt, gesteuert, förderfähig. Die Wärme von heute kommt leise. Sie fließt gleichmäßig aus Wänden und Böden, völlig geräuschlos. Kein Glühen, kein Knistern, kein Funkenflug.
Manchmal frage ich mich, ob uns diese technische Perfektion nicht auch ein bisschen distanziert hat. Früher musste man Wärme verdienen: Holz hacken, Kohle schleppen, Asche entsorgen. Sie war Arbeit, und vielleicht deshalb mehr wert. Heute kommt sie auf Knopfdruck – präzise, sauber, unsentimental.
Ich weiß natürlich, dass die alte Zeit kein Ideal war. Der Ruß, der Staub, die stickige Luft – all das würde ich heute keine zwei Tage ertragen. Und doch ist da dieses leise Gefühl von Verlust, wenn ich an die Abende vor dem Ofen denke. Wärme war einmal etwas, das man sehen, riechen und hören konnte.
Als Energie-Redakteur schreibe ich regelmäßig über den Kohleausstieg. Und jedes Mal schwingt ein kleiner Widerspruch mit, wenn ich notiere, dass Deutschland noch immer nicht vollständig aus der Kohleverstromung ausgestiegen ist. Vielleicht schmunzle ich deshalb ein wenig, wenn ich an jene Zeit denke, in der Kohle kein politisches Thema war, sondern einfach nur Wärme bedeutete.
Und dann, am Ende des Tages, wenn ich den Laptop zuklappe und die Füße hochlege, mache ich etwas, das ein wenig an früher erinnert. Ich zünde meinen kleinen Kaminofen an. Kein Kohlemonster, sondern ein moderner Ofen mit Scheitholz. Er knackt und glüht, die Luft riecht nach Holz und Harz, und für einen Moment fühle ich mich zurückversetzt in jene Abende, an denen Wärme noch ein Ereignis war.
Ich könnte natürlich sagen, dass das nur Nostalgie ist. Aber vielleicht hat es auch etwas mit der Seele zu tun. Denn Wärme ist mehr als eine Zahl auf dem Thermostat – sie ist Erinnerung. Und manchmal reicht schon ein Funken, um sie wieder aufleben zu lassen.



