Der Gasmarkt wirkt angespannt wie seit Monaten nicht mehr. Die Speicherstände liegen deutlich unter dem Niveau der Vorjahre, die Preise ziehen spürbar an. Innerhalb einer Woche ist der Großhandelspreis für Erdgas um rund 20 Prozent gestiegen. Die Nervosität wächst – bei Energieversorgern, in der Industrie und bei Verbrauchern. Die zentrale Frage lautet: Reicht das Gas über den Winter oder droht eine Mangellage?

Gasspeicher ungewöhnlich leer
Bereits zu Beginn der Heizperiode waren die deutschen Gasspeicher deutlich schlechter gefüllt als in den beiden vorigen Jahren. Während die Speicher in den Wintern nach der Energiekrise bewusst frühzeitig und hoch befüllt wurden, ist das Ausgangsniveau diesmal niedriger. Gründe dafür gibt es mehrere: geringere Einspeisungen im Sommer, ein verhaltener Importmarkt und die Erwartung sinkender Preise, die viele Marktteilnehmer von frühzeitigen Käufen abgehalten hat.
Die 40 deutschen Gasspeicher sind kein Vorrat für den Notfall allein, sondern ein zentrales Instrument zur alltäglichen Versorgungssicherung. Sie gleichen Schwankungen aus, federn Kälteperioden ab und stabilisieren das Netz. Je niedriger der Füllstand zu Beginn des Winters ist, desto geringer sind diese Puffer.
Versorgung formal gesichert – mit Einschränkungen
Rein rechnerisch gilt die Gasversorgung in Deutschland weiterhin als gesichert. Die Importkapazitäten über LNG-Terminals, Pipelinegas aus Nachbarländern und vertraglich gebundene Liefermengen reichen aus, um den durchschnittlichen Bedarf zu decken. Auch der Gasverbrauch ist im Vergleich zu den Jahren vor 2022 gesunken – durch Effizienzmaßnahmen und die schwierige wirtschaftliche Lage in der deutschen Industrie.
Doch diese Rechnung geht nur unter stabilen Bedingungen auf. Kommt es – wie derzeit – zu längeren Kälteperioden oder zu technischen Ausfällen oder geopolitischen Störungen auf dem Weltmarkt, steigt der Druck schnell. In solchen Situationen sind volle Speicher entscheidend, um kurzfristige Engpässe zu überbrücken.
Warum 20 Prozent ein kritischer Wert sind
Besonders kritisch wird die Lage, wenn die Speicherfüllstände in Richtung 20 Prozent sinken. Unterhalb dieser Marke nimmt die technische Förderleistung der Speicher deutlich ab. Das Gas lässt sich nicht mehr mit der gleichen Geschwindigkeit entnehmen, der Druck im System sinkt. Selbst wenn rechnerisch noch Gas vorhanden ist, kann es dann zu regionalen oder sektoralen Engpässen kommen.
Zudem verstärken niedrige Speicherstände die Unsicherheit an den Märkten. Händler und Versorger preisen Risiken schneller ein, was die Preise zusätzlich treibt. Der Markt reagiert nicht linear, sondern nervös – ein Effekt, der bereits in der aktuellen Preisbewegung sichtbar wird.
Preisanstieg als Frühindikator
Der jüngste Preissprung um rund 20 Prozent innerhalb weniger Tage ist weniger Ausdruck akuter Knappheit als ein Signal wachsender Risikoaufschläge. Der Markt bewertet nicht nur den aktuellen Füllstand, sondern vor allem die Frage, wie sich der Winter entwickelt. Jede Wetterprognose, jede Störung an internationalen Lieferketten schlägt sich unmittelbar in den Preisen nieder.
Für Verbraucher bedeutet das noch keine unmittelbare Erhöhung der Heizkosten, da viele Tarife langfristig abgesichert sind. Mittel- und langfristig steigen jedoch die Beschaffungskosten der Versorger – mit entsprechender Wirkung auf Neuverträge und die nächste Heizperiode.
Wie wahrscheinlich ist eine Mangellage?
Eine formale Mangellage gilt derzeit als eher unwahrscheinlich. Dafür sind die Importstrukturen breiter aufgestellt als früher, und der Verbrauch bleibt gedämpft. Gleichzeitig ist das System anfälliger geworden: Es gibt weniger Sicherheitsreserven, weniger Spielraum für extreme Wetterlagen und kaum Toleranz für zusätzliche Störungen.



