Startseite » Energie & Solar » „Schaltet eure Photovoltaik-Anlage ab“ – Wie reagiere ich richtig auf den Experten-Rat

„Schaltet eure Photovoltaik-Anlage ab“ – Wie reagiere ich richtig auf den Experten-Rat

Was lange als Ideal der Energiewende galt, wird an Sonn- und Feiertagen zunehmend zum Problem des Stromsystems: Es gibt viel Solarstrom, aber zu wenig Nachfrage. Für Betreiber privater Photovoltaik-Anlagen stellt sich damit eine neue Frage: Wann ist Einspeisen sinnvoll – und wann nicht?

Photovoltaik-Anlage (Foto: VZ NRW/adpic)

Warum Solarstrom zeitweise zum Problem wird

Experten wie der Energie-Ökonom Prof. Lion Hirth von der Hertie-School empfiehlt Besitzern von PV-Anlagen: Wer der Versorgungssicherheit etwas Gutes tun will, schaltet seine Anlage ab.

Deutschland hat den Ausbau der Photovoltaik stark beschleunigt. Ende 2025 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts knapp 4,8 Millionen Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und Grundstücken installiert, ein Plus von 17,6 Prozent binnen eines Jahres. Die Bundesnetzagentur wertet die Entwicklung laufend über das Marktstammdatenregister aus.

Das Problem entsteht nicht durch Solarstrom an sich, sondern durch seinen zeitlichen Ablauf. Photovoltaik-Anlagen produzieren besonders viel Strom zur Mittagszeit. An normalen Werktagen wird ein erheblicher Teil davon von Industrie, Gewerbe, Büros, Handel und Haushalten verbraucht. An Sonn- und Feiertagen ist die Nachfrage niedriger. Wenn zugleich viel Sonne scheint und auch Windkraft einspeist, kann mehr Strom im Netz sein, als gerade gebraucht wird.

Dann fallen die Börsenstrompreise. In Extremfällen werden sie negativ. Das bedeutet: Strom ist am Markt nicht nur wenig wert, sondern Erzeuger oder Vermarkter müssen faktisch Geld bezahlen, damit Strom abgenommen wird. Für das Gesamtsystem ist das ein Warnsignal, weil Stromnetze Erzeugung und Verbrauch zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht halten müssen.

Was Lion Hirth mit dem Abschalten meint

Der Energieökonom Lion Hirth hat deshalb öffentlich dafür geworben, private Photovoltaik-Anlagen an besonders kritischen Tagen zeitweise abzuschalten. In einem LinkedIn-Beitrag schrieb er an Besitzer von Solaranlagen, wer etwas für Versorgungssicherheit, Energiewende und Bundeshaushalt tun wolle, solle die Anlage über ein solches langes Wochenende ausschalten. Hintergrund sei die Gefahr, dass Deutschland mehr Strom einspeise, als abgenommen werden könne.

Die Aussage wirkt zunächst widersprüchlich. Jahrelang galt jede zusätzlich erzeugte Kilowattstunde Solarstrom als Fortschritt. Nun soll ausgerechnet das Abschalten hilfreich sein. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt. Eine Kilowattstunde Solarstrom ersetzt dann fossile Erzeugung, wenn sie gebraucht wird. Fällt sie aber in eine Phase mit sehr niedriger Nachfrage und voller erneuerbarer Einspeisung, kann sie Netzengpässe und Marktverwerfungen verstärken.

Hirths Vorschlag ist daher weniger als Absage an Photovoltaik zu verstehen, sondern als Hinweis auf eine neue Phase der Energiewende. Es geht nicht mehr allein darum, möglichst viel erneuerbaren Strom zu erzeugen. Entscheidend wird zunehmend, Erzeugung, Verbrauch, Speicher und Netze besser aufeinander abzustimmen.

Was sich für neue Anlagen bereits geändert hat

Der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung reagiert. Mit dem sogenannten Solarspitzengesetz gelten seit dem 25. Februar 2025 neue Regeln für viele neue Photovoltaik-Anlagen. Nach der Darstellung der Clearingstelle EEG/KWKG entfällt für Anlagen, die ab diesem Zeitpunkt in Betrieb genommen wurden, bei negativen Börsenstrompreisen ab der ersten negativen Viertelstunde die Vergütung; der Förderzeitraum wird später entsprechend verlängert.

Für Betreiber älterer Anlagen ist die Lage anders. Viele Bestandsanlagen erhalten ihre Einspeisevergütung weiter nach den Regeln, die bei Inbetriebnahme galten. Wer eine Anlage besitzt, sollte deshalb zunächst wissen, wann sie ans Netz gegangen ist, welche Vergütungsform gilt und ob ein intelligentes Messsystem oder eine Steuerbox vorhanden ist.

Damit verschiebt sich die Verantwortung nicht vollständig auf private Haushalte. Netzbetreiber, Direktvermarkter und Gesetzgeber bleiben zentrale Akteure. Aber auch der einzelne Anlagenbetreiber wird stärker Teil eines Systems, das auf Flexibilität angewiesen ist.

Nicht einfach den Hauptschalter ziehen

Für Hausbesitzer ist die wichtigste Regel: Eine Photovoltaik-Anlage sollte nicht unüberlegt abgeschaltet werden. Je nach Anlage kann es unterschiedliche Wege geben, die Einspeisung zu reduzieren oder den Wechselrichter in einen bestimmten Betriebsmodus zu versetzen. Wer einfach Sicherungen ausschaltet, riskiert Fehlermeldungen, Ertragsausfälle oder Probleme mit Speicher, Wallbox und Energiemanagement.

Sinnvoll ist zunächst der Blick in die App oder das Portal des Herstellers. Viele moderne Anlagen zeigen an, wie viel Strom gerade erzeugt, selbst verbraucht, gespeichert oder eingespeist wird. Einige Systeme erlauben eine Begrenzung der Einspeiseleistung. Bei anderen muss der Fachbetrieb Einstellungen vornehmen.

Wer unsicher ist, sollte den Installateur oder den Netzbetreiber fragen. Das gilt besonders für Anlagen mit Batteriespeicher, Notstromfunktion, Wärmepumpe oder Wallbox. Dort ist die Photovoltaik häufig Teil eines größeren Energiesystems im Haus. Eine falsche Einstellung kann mehr schaden als nutzen.

Eigenverbrauch wird wichtiger

Die naheliegende Reaktion auf Solarspitzen ist nicht zwingend Abschalten, sondern Verbrauchen zur richtigen Zeit. Waschmaschine, Geschirrspüler, Warmwasserbereitung, Batteriespeicher oder Elektroauto können helfen, Strom im eigenen Haushalt zu nutzen, statt ihn zur Mittagszeit vollständig einzuspeisen.

Das verändert den Blick auf Photovoltaik. Früher stand oft die Einspeisevergütung im Mittelpunkt. Heute wird der Eigenverbrauch wirtschaftlich und systemisch wichtiger. Wer den Strom vom Dach selbst nutzt, entlastet das Netz und reduziert den Bezug aus dem öffentlichen Stromnetz. Besonders interessant wird das in Kombination mit dynamischen Stromtarifen, Speichertechnik und steuerbaren Verbrauchern.

Allerdings ist auch hier Maß zu halten. Nicht jeder Haushalt kann seinen Verbrauch beliebig verschieben. Berufstätige sind tagsüber oft nicht zu Hause, Speicher kosten Geld, und nicht jedes Elektroauto steht mittags an der Wallbox. Die Flexibilität privater Haushalte ist real, aber begrenzt.

Was an Sonn- und Feiertagen praktisch sinnvoll ist

Für Besitzer einer Photovoltaik-Anlage bedeutet die aktuelle Debatte vor allem: Sie sollten ihre Anlage besser kennen. Entscheidend sind Inbetriebnahmedatum, Vergütungsmodell, technische Steuerbarkeit und vorhandene Speicher. Wer eine neue Anlage plant, sollte diese Fragen bereits vor dem Kauf klären.

An Tagen mit erwarteten Solarspitzen kann es sinnvoll sein, große Verbraucher bewusst in die Mittagszeit zu legen, den Batteriespeicher nicht schon am Vormittag vollständig zu füllen oder das Elektroauto dann zu laden, wenn besonders viel Strom erzeugt wird. Wer technisch die Möglichkeit hat, die Einspeisung begrenzt oder zeitweise zu stoppen, sollte das nur so tun, wie es Hersteller, Installateur oder Netzbetreiber vorsehen.

Für Bestandsanlagen mit garantierter Einspeisevergütung bleibt das Abschalten wirtschaftlich zunächst unattraktiv, weil jede nicht eingespeiste Kilowattstunde Einnahmen kostet. Systemisch kann es dennoch entlastend wirken. Genau daraus entsteht die politische und praktische Spannung: Was für das Netz sinnvoll ist, muss für den einzelnen Betreiber nicht automatisch wirtschaftlich sein.