Die Energiewende bringt Deutschlands Gasnetz in Bewegung – oder vielmehr ins Wanken. Bis 2045 soll hierzulande klimaneutral geheizt werden, fossile Energieträger wie Erdgas, Heizöl und Flüssiggas dürfen ab dann nicht mehr eingesetzt werden. Doch viele Stadtwerke wissen noch nicht, wie sie mit ihren bestehenden Gasnetzen umgehen sollen.
Das geht aus einer Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) hervor. Demnach hat etwa die Hälfte der befragten Stadtwerke und kommunalen Energieversorger mit Gasnetz bislang keine Entscheidung getroffen, ob sie ihre Leitungen umrüsten oder stilllegen.
Zwischen Umrüstung und Rückbau
164 Stadtwerke nahmen an der VKU-Umfrage teil, die vom 26. August bis 15. September 2025 durchgeführt wurde. 46 Prozent gaben an, dass sie noch keine konkreten Pläne für ihr Gasnetz haben. 19 Prozent wollen es vollständig stilllegen und künftig auf Fernwärme und Wärmepumpen setzen. Weitere 23 Prozent planen eine Kombination aus Stilllegung und Umrüstung – etwa auf grüne Gase wie Wasserstoff oder Biomethan.
Nur 15 Prozent der Unternehmen beabsichtigen, ihre Leitungen für Wasserstoff nutzbar zu machen, weitere acht Prozent wollen sie teilweise für Haushalte umstellen. Die meisten Versorger warten jedoch ab – auch, weil zentrale rechtliche und finanzielle Fragen bislang offen sind.
Rechtliche Unsicherheit bremst Entscheidungen
„Viele Stadtwerke hängen derzeit in der Luft – und mit ihnen Millionen Verbraucher und mittelständische Betriebe“, warnt VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. Zwar verpflichtet das Gebäudeenergiegesetz, fossile Heizungen bis spätestens Ende 2044 außer Betrieb zu nehmen, doch für die Stilllegung oder Umrüstung der Gasinfrastruktur fehlen klare Vorgaben.
Bislang sind Gasnetzbetreiber sogar weiterhin verpflichtet, neue Anschlüsse zu ermöglichen. Wer die Kosten für Rückbau oder Umrüstung tragen soll, ist unklar. Der VKU fordert daher eine gesetzliche Grundlage, die Versorgern Planungssicherheit gibt.
Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) umfasst das deutsche Gasnetz derzeit rund 125.000 Kilometer Hochdruckleitungen und über 180.000 Kilometer Mitteldruckleitungen. Hinzu kommen 130.000 Kilometer im Niederdruckbereich und rund 176.000 Kilometer Hausanschlüsse. Das Netz versorgt mehr als 13 Millionen Haushalte und 1,4 Millionen Gewerbe- und Industriekunden.
Hoher Investitionsbedarf, fehlende Perspektive
Der Rückbau oder die Umstellung eines so dichten Netzes wäre ein Jahrhundertprojekt. Der VKU spricht von Investitionen in Milliardenhöhe – und von einem dringenden Bedarf an politischer Koordination. Während Fernleitungsnetzbetreiber bereits ein künftiges Wasserstoffkernnetz planen, fehlt für regionale und kommunale Verteilnetze noch ein Konzept.
„Nach den Festlegungen für das Wasserstoffkernnetz muss das Bundeswirtschaftsministerium nun schnell die rechtlichen Grundlagen für Wasserstoffverteilnetze schaffen“, fordert Liebing. Nur so könnten Stadtwerke frühzeitig planen und Betriebe wüssten, ob sie nach 2045 noch gasförmige Energieträger nutzen dürfen.
Soziale und wirtschaftliche Folgen
Ein ungeregelter Rückzug aus der Gasversorgung hätte erhebliche Auswirkungen auf private Haushalte und Betriebe. Denn mit jeder Stilllegung sinkt die Zahl der angeschlossenen Kunden – und die Kosten für Betrieb und Instandhaltung verteilen sich auf immer weniger Nutzer. Steigende Netzentgelte wären die Folge.
Besonders betroffen wären Mieter, die nicht über die Heizsysteme in ihren Gebäuden entscheiden können, sowie kleine und mittelständische Unternehmen, die auf Gas als Energieträger angewiesen sind. Für sie könnte die Wärmewende ohne soziale Ausgleichsmaßnahmen zur Belastung werden.
Um diese Schieflage zu vermeiden, schlägt der VKU einen „Umstellbonus“ vor: Eigentümer, die freiwillig auf andere Energieträger umsteigen oder Leitungen stilllegen lassen, sollen einen finanziellen Zuschuss erhalten. Gleichzeitig fordert der Verband ein „Gasnetzkompensationskonto“, über das Netzbetreiber für Kosten aus verkürzten Abschreibungszeiten oder Rückbau entschädigt werden könnten.
Appell an die Politik
„Der Weg zur Klimaneutralität darf weder zu einer sozialen Schieflage führen noch dem Mittelstand das Rückgrat brechen“, sagt Liebing. Nötig seien klare gesetzliche Regeln, damit der Übergang geordnet verlaufe – mit fairer Kostenverteilung zwischen Netzbetreibern, Staat und Verbrauchern.
Denn je näher das Jahr 2045 rückt, desto dringlicher wird die Frage, wie Deutschlands Gasnetze künftig aussehen sollen: als Rückgrat einer neuen Wasserstoffwirtschaft oder als Relikt einer fossilen Vergangenheit.



